Wer auf einem 7-Saiter die optimale Saitenspannung haben will — tight in den Tiefen, leicht zu benden und nicht zu schrill in den Höhen — kommt um das Thema Multiscale-Gitarren nicht herum. Wer dann auch noch einen Whammy Bar haben will, hat in Europa aktuell mWn keine andere Wahl als Strandberg; die einzige Alternative wären Kahler-Stege, die im Gegensatz zu Floyd Roses auch als Multiscale funktionieren, momentan aber mWn nur auf einigen teuren Dean-Modellen verbaut werden.
Nun ist der Steg einer Strandberg nicht mit einem Floyd Rose zu vergleichen; stimmstabiler als ein regulärer Whammy Bar auf einer Gitarre mit Kopfplatte ist er jedoch schon. Vermutlich, weil hinter dem Sattel nicht so viel Platz ist, wo eine Saite bei der Nutzung des Whammy Bars hängen bleiben könnte. Wie auf 7-Saitern üblich ist er nicht ganz so frei beweglich, da die Federn auf der Rückseite ja gegen die erhöhte Saitenspannung durch die zusätzliche 7. Saite ankommen müssen. Aber er sitzt eben auch einfach nicht so locker wie ein Floyd Rose. Songdienliches Vibrato geht damit also durchaus, man kann auch eine Harmonic mal mit dem Whammy Bar kreischen lassen — aber vollständige Dive Bombs o.ä. gehen damit nicht. Es ist halt wirklich einfach genau zwischen normalem Stratocaster-Whammy Bar und Floyd Rose.
Die Tonabnehmer sind die heutzutage omnipräsenten Fishmans mit den üblichen Features — Aktiv- und Passiv-Voicing (Push/Pull des Tone-Reglers) und zum Glück auch die Single-Coil-Option (Push/Pull des Volume-Reglers), die leider nicht alle Firmen (z.B. Schecter auf der SLS-Serie) einbauen, obwohl die Pickups selbst es können. Klanglich unterscheidet sich die Boden Prog also für meine Ohren nicht von jeder anderen 7-String mit Fishmans. Der Hauptunterschied kommt durch die jeweilige Mensurlänge verbunden mit der Saitenstärke, also die Saitenspannung insgesamt. Durch die Wahl einer .0095er-Saite fürs hohe e ist diese Saite minimal schwieriger zu benden als bei einer regulären .009er-Saite auf die gleiche Mensur (25.5” fürs hohe e). Die Mensur fürs tiefe H ist mist 26.25” etwas kürzer als bei anderen Extended-Range-Gitarren (die gehen oft auf 26.5” hoch), doch durch die leicht erhöhte Saitenstärke von .064 (üblich sind bei anderen Herstellern .056, .059 oder .062) wird das gut ausgeglichen, sodass es in den Tiefen nicht matscht oder sich zu loose anfühlt. Die gefächerten Bünde sind durch den geringen Unterschied zwischen höchster und tiefster Saite (25.5” - 26.25”, also gerade einmal 0.75”) fast gerade, was für lange Arpeggien übers ganze Griffbrett angenehmer ist als stärker geneigte Bünde bei einem größeren Mensur-Unterschied (wie bspw. bei Ormsby oder Agile).
Jeder, der seine erste Strandberg kauft, ohne vorher eine in die Hand nehmen zu können, sorgt sich wohl, ob der EndurNeck für ihn passt. In meinem Fall war die Sorge unbegründet — ein besonderes Feature ist er für mich jedoch auch nicht. Oftmals ignoriert meine Handhaltung die spezielle Form einfach, oder der Daumen liegt eher auf der seitlichen Fläche des EndurNecks auf als auf der primären “Führungslinie” entlang der Rückseite. (Wobei ich durchaus davon ausgehe, dass alle der verschiedenen “Oberflächen” des EndurNecks durchaus zur Daumenablage gedacht sind.)
Nachdem ich einige Schreckberichte über schwankende Qualitätskontrolle bei Strandberg gelesen hatte, kann ich zum Glück sagen, dass bei meinen beiden Strandbergs von der Verarbeitung alles in Ordnung war. Bei dem Preis ist das jedoch etwas, das ich nicht positiv hervorhebe, sondern einfach erwarte.
Bei der Boden Prog im Speziellen zahlt man, soweit ich erkennen kann, vor allem fürs Finish drauf: Die Boden Metal Tremolo hat mWn die gleichen Features, dafür ist sie in einem schlichten (und im Metal wenig abwechslungsreichen) Schwarz gehalten. Wer keinen Hebel braucht, ist natürlich mit der Boden Metal ohne Whammy Bar noch günstiger bedient. Und wer einfach nur eine Multiscale 7-String mit Fishmans sucht, findet bei Schecter (oder selbst Cort, die ebenso wie Strandbergs in Indonesien produziert werden) günstigere Alternativen.
Nur, wenn es Multiscale + Fishmans + Whammy Bar sein soll, führt der Weg an Strandberg nicht vorbei. Und selbst da gibt es eben mit der Boden Metal Tremolo noch mehrere 100 € Ersparnis. Ich habe jetzt bewusst für das Finish (d.h. die Boden Prog) mehr gezahlt, da mich das Blau mit Flame Maple-Top rein optisch mehr anspricht — ich gehe nicht davon aus, dass es klanglich einen Unterschied macht. Und die beste Gitarre ist schließlich die, die einen dazu bringt, mehr zu spielen. Damit ist es keine reine Ausgabe mehr, sondern eine Investition in die eigenen Fähigkeiten.
Nachvollziehen kann ich den Preis in Anbetracht der Konkurrenz und des Fertigungslandes trotzdem nicht. :) Strandberg ist halt das Apple unter den Gitarrenfirmen. Zum Glück passen meine beiden in einen regulären Mehrfach-Ständer mit gepolsterten Stangen als Standfläche, sodass ich nicht für einen speziellen Headless-Gitarrenständer nochmal für den Markennamen zahlen musste.